Mehr Infektionen als bisher angenommen?

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Virologen schätzen: „Dunkelziffer zehn Mal höher“

200 Fällen Menschen haben sich in Deutschland mit der Schweinegrippe infiziert. Jetzt vermutet der Virologe Prof. Alexander Kekulé, dass es zu durchaus mehr Infektionen gekommen sein könnte.

Laut seinen Schätzungen könnte es allein in Deutschland über 2000 Menschen geben, die das gefährliche Virus in sich tragen, ohne Krankheitssymptome zu entwickeln.

Der Forscher: „Ich gehe davon aus, dass die tatsächliche Zahl der in Deutschland Infizierten mindestens beim Zehnfachen der gemeldeten knapp 200 Fälle liegt“.

Prof. Kekulé: „Das neue Virus verursacht offenbar häufig Infektionen mit geringen Symptomen wie Kopf- oder Halsschmerzen und auch für Grippe untypische Symptome, wie Unwohlsein im Magen-Darm-Bereich.“

Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass diese Erkrankten das Virus weiterverbreiten. Prof. Kekulé fordert daher einen Virus-Test für jeden Einreisenden aus einem der Risikogebiete.

Die Behörden seien dieser Empfehlung jedoch bislang nicht gefolgt. Dennoch hält der Forscher das Virus nicht für extrem gefährlich.

Kekulé: „Die Prophezeiungen der WHO und einiger meiner Kollegen, wonach eine große Gefahr bestehe, das neue Virus H1N1 könnte sich mit dem viel gefährlicheren Vogelgrippevirus H5N1 genetisch vermischen, halte ich für übertrieben.“ Eine solche „tödliche Vermählung“ der beiden Viren sei extrem unwahrscheinlich.

Auch der Virologe Prof. Peter Wutzler vom Universitätsklinikum Jena rechnet nicht mit einer großen Gefahr durch die Erreger. Prof. Wutzler: „Wir müssen bedenken, dass wir auch bei einer normalen Grippewelle etwa 8000 bis 10 000 Todesfälle in Deutschland haben.“

Im Gegensatz zu seinem Kollegen sieht Prof. Wutzler die Dunkelziffer-Erkrankten aber als ein Vorteil: „Die Ausbreitung ohne Symptome wird auch zur Durchimmunisierung der Bevölkerung führen.“

Und wenn viele Menschen immun seien, könne das Virus keine gefährliche Seuche mehr in Europa auslösen.

Zur Eindämmung der Infizierten empfiehlt Prof. Kekulé Einreisenden aus Nord- und Mittelamerika sich nach ihrer Rückkehr über fünf Tage möglichst zu Hause aufzuhalten, wenig Kontakte zu halten, Großveranstaltungen, Schulen oder Kindergärten zu meiden.

Wer sich nach seiner Rückreise krank fühlt, sollte umgehend einen Arzt aufsuchen. Bei Husten oder starkem Niesen vorher anrufen, damit in der Praxis keine Patienten angesteckt werden und sich immer ein Taschentuch vors Gesicht halten.